Erinnerst Du Dich, wie das Müsli am Morgen geschmeckt hat? Hast Du gehört, wie die Vögel gezwitschert haben? Weißt Du noch, was die Frau in der Bahn neben Dir gesagt hat? Eher nicht, oder? Wahrscheinlich sind Dir mal wieder tausend Dinge durch den Kopf gegangen, Du hast den Tag geplant, an die Arbeit oder sonst was gedacht. Kurzum: Du hast den eigentlichen Augenblick gar nicht wahrgenommen. Das es auch anders geht, dafür steht die Lehre der Achtsamkeit. Sie zielt darauf ab, dass wir uns Zeit für den Moment nehmen und diesen aufmerksam betrachten. Und vor allem auch darauf, ihn nicht zu bewerten, sondern ihn einfach mal so hinzunehmen. Ursprünglich kommt der Gedanke der Achtsamkeit aus der buddhistischen Lehre. Bei uns populär wurde er durch Jon Kabat-Zinn, der Ende der 1970er Jahre ein Trainingsprogramm – die Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) – entwickelte, um uns den Umgang mit Stress, Ängsten oder Krankheiten zu erleichtern.

 


Dein eigenes Gleichgewicht wiederfinden: Achtsamkeit bei Krebs

Sich in den Fokus zu rücken und stärker selbst wahrzunehmen, kann bei einer Krebserkrankung hilfreich sein. Gerade jetzt sollten Deine aktuellen Bedürfnisse und Gefühle in den Vordergrund rücken. Brauche ich gerade möglichst viele Leute um mich herum oder will ich meine Ruhe haben? Will ich um die Welt reisen oder mich in die Gartenarbeit stürzen? Warum habe ich Angst vor der Therapie oder dem Tod? Wenn Du die Aufmerksamkeit zumindest für eine gewisse Zeit voll auf solche Fragen richten kannst, wirst Du Antworten für Dich finden und diese auch gegenüber anderen formulieren können. Das sorgt für mehr Zufriedenheit und Gelassenheit auf allen Ebenen. Hinzu kommt, dass Achtsamkeitstraining erwiesenermaßen dabei helfen kann, den Stress, der durch die Diagnose Krebs entsteht, zu reduzieren. Weniger Stress wiederum kann den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.

Achtsamkeit © Duet Postscriptum / Stocksy
Durch Achtsamkeit kann es Dir gelingen, die Veränderungen des eigenen Körpers besser wahrzunehmen und zu akzeptieren.

Vielleicht ist es Dir durch Achtsamkeit sogar möglich, manche Nebenwirkungen der Therapie besser zu akzeptieren und mit ihnen zu leben – etwa wenn sich Deine Haare verändern oder Du Dich in Deiner Haut nicht so richtig wohlfühlst. Diese Umstände zu akzeptieren und mit seinem Äußeren im Reinen zu sein, kann bei der Krankheitsbewältigung helfen.


Weniger Smartphone – mehr Aufmerksamkeit: Digital Detox

Achtsamkeit ist also eine spezielle Form der Aufmerksamkeit. Und wenn der größte Aufmerksamkeitsräuber unserer Zeit das Smartphone ist, dann gibt es nur eins: Digital Detox. Weil wir im Schnitt alle 12 Minuten aufs Display gucken, können wir uns weder auf das konzentrieren, was um uns herum passiert noch auf uns selbst. Zusätzlich geraten wir in Stress. Theo will jetzt eine Antwort auf seine WhatsApp, Irene sofort wissen, ob Du ihre neue Frisur schick findest – denken wir zumindest.

Klar, ist es nahezu unmöglich, das Leben komplett auf analog umzustellen. In der Regel gelingt es aber schon, weniger Zeit mit dem Smartphone zu verbringen. Vielleicht erklärst Du einen Raum zur handyfreien Zone, planst eine feste Smartphone-Auszeit am Tag ein, schaltest einfach mal ein Wochenende in den Flugmodus. Du wirst merken, wie viel aufmerksamer Du auf Deine Umgebung, die Menschen um Dich herum und auf Dich selbst eingehen kannst.

Go offline: Wer weniger Zeit mit Handy oder Smartphone verbringt, kann die Aufmerksamkeit stärker auf sich und seine Gefühle lenken.
Achtsamkeit und Digital Detox © Alita Ong / Stocksy

Aufmerksamkeit schenken: Achtsamkeit in der Partnerschaft

Achtsamkeit in der Beziehung

Zeit zu Zweit: Gerade bei einer Krebserkrankung ist es enorm wichtig, die schönen Momente gemeinsam zu genießen.

© Becca Tapert / Unsplash

Achtsam sein bedeutet, die eigenen Bedürfnisse besser zu kennen und damit die Beziehung zu sich selbst zu verbessern. Es hilft aber auch, sich besser mit dem Partner auszutauschen zu können. Weißt Du wirklich, warum Dein Partner heute Morgen so schlecht gelaunt war? Kennst Du die Lebensträume Deiner Partnerin? Sprecht Ihr regelmäßig über Eure Gefühle und Gedanken oder ist es eher dieses stumme Vermuten, weil Ihr Euch schon so lange kennt.

Gerade wenn eine Diagnose wie Krebs das bisherige Leben auf den Kopf stellt und ihr mit vielen neuen Situationen konfrontiert seid, kann es ungemein wichtig sein, achtsam zu sein. Das gilt für den Erkrankten genauso wie für den Partner. In sich hineinzuhören, die Bedürfnisse zu formulieren und auch einfach mal schöne Momente – ja, die gibt es auch! – zuzulassen und zu genießen, kann viel Kraft geben.


Wer achtsam ist, denkt nur an sich selbst

Achtsamkeit ist derzeit in. Und ruft auch Kritiker auf den Plan. Häufigster Punkt dabei: Wer sich in Achtsamkeit übt, ist eigentlich ein Egoist. Schließlich rücken die eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund, man lernt sich selbst besser kennen. Aber auch wenn das stimmt: Derjenige, der sich und seine Gefühle gut kennt, ist gleichzeitig aber viel besser in der Lage, sich zu öffnen, Konflikte zu lösen und sich in andere hineinzuversetzen. Achtsamkeit ist also auch ein Training der emotionalen Intelligenz und damit auch der sozialen Fähigkeiten. Hier gilt es also das Gleichgewicht zu behalten: Es gibt auch Situationen, in denen es angebracht ist, sich auf sein Gegenüber zu konzentrieren. In manchen Momenten kann es aber guttun, sich mehr auf sich selbst zu fokussieren, um aus der Mitte heraus handeln zu können.

Achtsamkeit© Martin Koos / Photocase
Keine Egoisten: Wer sich in Achtsamkeit übt, denkt keinesfalls nur an sich selbst. Er ist vielmehr emotional intelligent.

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