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Lungenkrebs? Kann doch gar nicht sein!

Die Krebsdiagnose kann ein Schock sein und völlig überraschend kommen – so auch für Sybille. Sie hat sich ausgewogen ernährt, mehrmals wöchentlich Sport getrieben, nie geraucht. Aufgrund eines Hustens nimmt sie einen Termin bei ihrem Hausarzt wahr. Kurze Zeit später steht fest: Diagnose Lungenkrebs.

Liebe Sybille, wie hast du reagiert, als du von deiner Lungenkrebsdiagnose erfahren hast?

Es war natürlich ein großer Schock für mich, zumal ich erst 49 Jahre alt war und aus meiner Sicht ein gesundes Leben geführt habe. Ich war drei Mal in der Woche joggen, hab mich gesund ernährt. Und was mich wirklich sehr erschrocken hat: Ich habe in meinem Leben keine einzige Zigarette geraucht.

Was waren die ersten Schritte nach der Diagnose für dich?

In Tübingen hat man eine Biopsie bei mir durchgeführt, da hat sich dann rausgestellt, dass alles noch viel schlimmer war, als es ursprünglich angenommen wurde: Der Lungenkrebs hatte mittlerweile schon gestreut, auf die Leber und auf die Lymphe. Da hat man mir gesagt: "Sieht ziemlich schlecht aus". Das war in der Vorweihnachtszeit.

Danach hat die Odyssee erst angefangen: Nach der Biopsie habe ich mir noch eine Lungenentzündung eingefangen und war über Silvester im Krankenhaus. Da ging es mir richtig schlecht und der Tumor hat durch die Lungenentzündung wohl einen Wachstumsschub bekommen. Er hat mir den linken Lungenflügel komplett abgeschnürt und auch einen Teil vom Rechten. Das Tumorgewebe in der Bronchie hat man dann rausoperiert, damit ich überhaupt wieder atmen kann.

Aber heute geht es dir deutlich besser ... ?

Natürlich bin ich körperlich nicht mehr so belastbar, kann also kaum noch Treppen steigen und beim Spazierengehen muss ich immer wieder anhalten zum Durchatmen. Ich werde auch sehr schnell müde. Aber wenn ich ehrlich bin, im Dezember 2019 habe ich gedacht, ich lebe kein halbes Jahr mehr.

Bist du damals aufgrund von Beschwerden zum:zur Ärzt:in gegangen?

Ich hatte zwar einen Hustenreiz, aber sonst gar nichts, außer natürlich diese Müdigkeit. Aber als Blut beim Husten kam, da war mir klar, dass was nicht in Ordnung ist, aber dass es so gravierend sein würde, hätte ich nicht gedacht. Als ich mit dem Ergebnis nach Hause gelaufen bin, habe unterwegs schon geheult. Und als mein Mann zurückkam, sind wir sofort nach Tübingen in die Uniklinik gefahren.

Wie hast du mit deinen Kindern über die Diagnose gesprochen?

Wir haben es unseren Kindern gleich gesagt. Meine beiden Töchter waren damals 14 und 16 Jahre alt. Wir wollten ganz offen und ehrlich sein. Ich habe auch im ganzen Bekanntenkreis und bei meinen Schülern kein Geheimnis aus der Diagnose gemacht. Das war für mich nie ein Tabu. Für mich war es wichtig, offen zu kommunizieren. Erst später hat mein Mann mir gesagt, dass ihm oft die Frage gestellt wurde, ob ich geraucht hätte. Das war wahrscheinlich dieses Vorurteil – mit dem müssen Menschen mit Lungenkrebs einfach kämpfen. Dabei hat das eine nicht unbedingt mit dem anderen zu tun.

Inwieweit hat sich dein Blick auf die eigene Gesundheit nach der Diagnose gewandelt?

In der Familiehaben wir uns schon immer viel mit Ernährung und gesunder Lebensweise auseinandergesetzt. Aber seit der Diagnose habe ich mein Leben komplett umgestellt: Ich habe angefangen, morgens und abends zu meditieren, ich mache Yoga und Atemtraining. Die ganze Familie hat ihre Ernährung umgestellt. Ich finde es ganz toll, dass wir alle an einem Strang ziehen. Wir essen kein Fleisch mehr und verzichten auf Milchprodukte. Wir legen Wert auf biologische Nahrungsmittel, frisches Obst und Gemüse. Ich habe immer gedacht, ich ernähre mich gesund, aber jetzt merke ich: Da ist noch Luft nach oben.

Hast du im Laufe der Zeit andere Menschen kennengelernt, die auch mit Krebs leben?

Im Krankenhaus habe ich gar niemandem getroffen, der auch Krebs hatte. Vielleicht lag das an der Vorweihnachtszeit …? Vielleicht hat man darauf geachtet, dass die Patienten, wenn möglich, in dieser Zeit zu Hause bei ihren Familien sein können. Ich habe auch lange überhaupt nicht versucht, Kontakt zu anderen Krebspatienten herzustellen. Weil ich so mit mir selbst beschäftigt war, wollte ich gar nicht hören, wie andere Menschen damit umgehen.

Wie hat dein persönliches Umfeld auf deine Diagnose reagiert?

Vor allen Dingen mein Mann ist mir eine sehr große Hilfe. Meine Kinder auch. Und meine Familie, meine Freundinnen – alle. Ich fühle mich wirklich geborgen und umsorgt. Natürlich waren alle sehr betroffen und haben Anteil genommen. Im Krankenhaus haben meine Freundinnen mich und meine Familie mit Essen und Kuchen versorgt. Meine Schüler haben mir ganz tolle Briefe geschrieben, die mich zu Tränen gerührt haben. Sie haben mir gezeigt, dass ich ein wichtiger Mensch für sie bin. Das habe ich vorher nie so realisiert.

Auch die Eltern meiner Schüler haben mir Briefe geschrieben und Blumensträuße geschickt. Es gab eine sehr große Anteilnahme. Das war sehr wichtig für mich: zu spüren, dass ich wichtig bin. … dass ich Menschen habe, die mich mögen und denen ich wichtig bin. Das hat mir viel Kraft gegeben.

Ist das etwas, das du durch die Erkrankung realisiert hast?

Ja, auf alle Fälle. Manchmal spreche ich auch von meinem „zweiten Leben“. Das hört sich jetzt vielleicht blöd an, aber es ist schon ein Geschenk für mich, dass ich so viel Zeit für mich habe und dass ich meditieren kann, weil das eine so wertvolle Erfahrung ist. Und ich weiß nicht, ob ich das gemacht hätte, wenn ich gesund geblieben wäre.

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Mein großer Traum wäre es, wieder als Grundschullehrerin arbeiten zu gehen, aber im Moment ist es natürlich überhaupt nicht möglich. Ich möchte mich jetzt erst mal darauf konzentrieren, den Krebs so lang wie möglich so klein wie möglich zu halten – damit ich noch ein gutes Leben führen kann.

Gibt es etwas, das du im Umgang mit deiner Erkrankung gelernt hast?

Wenn ich gewusst hätte, wie gesundheitsfördernd das Meditieren und das Yoga ist, hätte ich es mit Sicherheit früher angefangen. Ich bin so begeistert von dem Meditieren – das ist eine sehr wertvolle Erfahrung für mich. Hätte ich das schon früher gewusst, hätte ich feste Zeiten für mich eingeräumt, sodass ich sage: „Das ist jetzt meine Stunde, die gehört mir.“ Und ich habe auch gelernt, mal „nein“ zu anderen zu sagen. Das ist mir früher sehr schwergefallen.

„Ich habe früher viele Dinge gemacht, weil ich mich nicht getraut habe, 'Nein' zu sagen. Das traue ich mich jetzt schon."

Sybille, Lungenkrebsbetroffene 

Was kannst du anderen Lungenkrebsbetroffenen mit auf den Weg geben?

Es ist wichtig, dass man die Krankheit akzeptiert. Dafür braucht man Mut. Und: dass man nach vorne guckt und merkt, dass man für sein eigenes Wohlbefinden sorgen kann.

Angst blockiert einen und versperrt den Weg zum Gesundwerden. Setzt einen unter Stress und raubt die Kraft, die man eigentlich bräuchte, um gesund zu bleiben oder gesund zu werden. Aber es ist auch wichtig, dass man sie zulässt. Man darf sich nur nicht von der Angst lähmen lassen. Man braucht Hoffnung und das Vertrauen, dass man gesund wird, oder dass man so lang wie möglich lebt.

Inhaltlich geprüft: M-DE-00009555

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