Auf Japanisch bedeutet „Shinrin“ Wald und „Yoku“ Bad. Der Begriff Shinrin Yoku heißt also wörtlich übersetzt Waldbad. Wer in Japan zum Arzt geht, weil er beispielsweise Schlafstörungen oder Stress hat oder erschöpft ist, dem verordnet der Arzt nicht selten Shinrin Yoku. Waldbaden gilt in Fernost schon seit den 1980er-Jahren als Medizin. Demnach verbessern sich beim Waldbaden nach kürzester Zeit Blutdruck, Puls und Atmung. Nun schwappt die asiatische Methode auch zu uns über.

Heilsame Wirkung des Waldes

Unbestritten ist, dass der Wald dem Menschen guttut. „Biophilia-Effekt“ nannte das in den achtziger Jahren schon der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson. Er schrieb, unsere Verbindung zur Natur sei Resultat eines Jahrmillionen langen Evolutionsprozesses – sie sei stets abrufbar, immer da. Bäume entfalten ihre Heilkraft schon, wenn wir sie nur ansehen: Das Grün wirkt beruhigend auf Körper und Psyche. Neuere Forschungen belegen sogar, dass bestimmte Stoffe, die die Bäume abgeben, unser Immunsystem hochfahren.1, 2 So steigt nach einem Aufenthalt im Wald die Anzahl wichtiger Abwehrzellen messbar an. Waldatmosphäre aktiviert auch den menschlichen Ruhenerv – Stresshormone werden zurückgefahren, und der Blutdruck sinkt.2

© Paul Gilmore / Unsplash
Fährt unser Immunsystem hoch, werden mehr weiße Blutkörperchen gebildet, sogenannte Killerzellen, die körperfremde Keime bekämpfen. Nach einem Waldspaziergang sind es etwa 50 Prozent mehr als davor.2, 4

Waldbaden als anerkannte Therapie

All diese Effekte des Waldbadens sind wissenschaftlich belegt.3, 4, 5 In Japan ist die Waldmedizin eine anerkannte wissenschaftliche Disziplin, die an Universitäten gelehrt und weiter erforscht wird. Waldbaden ist dort wie in den USA von den staatlichen Behörden als Therapie anerkannt. Unter  Anleitung eines Experten werden Aufenthalte im Wald mit Übungen verknüpft – etwa mit Meditation, Achtsamkeitstraining oder Qigong – und so eine Interaktion mit der Natur eingegangen.

Einfach mal unter einen Baum legen

Förster und Autor Peter Wohlleben rät in seinem neuen Magazin „Wohllebens Welt“ dazu, einfach mal eine Isomatte mit in den Wald zu nehmen und sich unter einen Baum zu legen – die kostenlose Variante, ohne Anleitung. Ihm geht es sehr darum, alles langsam anzugehen und kein festgelegtes Ziel zu verfolgen. Wohlleben begrüßt sehr, dass unsere Verbindung zur Natur über den fernöstlichen Trend wieder Aufschwung bekommt.

Mindestens ein Dutzend Bücher gibt es zum Waldbaden aktuell, Kurse und Waldbademeister sprießen aus dem Boden wie die Pilze nach dem Regen. Es gibt sogar schon eine Deutsche Akademie für Waldbaden. An der Universität Rostock wird eine zertifizierte Ausbildung zum Waldtherapeuten entwickelt: Spaziergänge durch den Wald, verbunden mit Atemübungen und Meditation, sind ihre wichtigsten Inhalte. Den ersten anerkannten Heilwald gibt es auf Usedom: 250 Hektar Kiefern, Buchen, Orte der Stille und viel mildes Meeresklima.

 

Natur wirkt entschleunigend – auch in jedem Park oder Schrebergarten und sogar ganz ohne Bäume am Meer oder einem See.

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Möglicherweise ist Shinrin Yoku nur ein neuer Weg zu alt Bekanntem: der Möglichkeit, in den Wald zu gehen, ohne auf Nordic-Walking-Pfaden durch ihn durchzuhecheln. „Waldbaden gibt uns die Erlaubnis, endlich wieder im Wald herumtrödeln zu dürfen“, sagt Wohlleben in seinem Magazin. So wie Kinder es tun.

 

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