Mit den Möglichkeiten der Digitalisierung lassen sich riesige Datenmengen erfassen und analysieren. Auf diese Weise ist es möglich, auch verstärkt Patientendaten aus dem echten Leben zu gewinnen und in Datenbanken zu sammeln, von Experten auch „Daten aus dem klinischen Alltag“ genannt. Dazu zählen beispielsweise Akten und Notizen aus Arztpraxen, Krankenhäusern, Ergebnisse von Labor- oder MRT-Untersuchungen. In der elektronischen Patientenakte gebündelt können sie wertvolle Informationen liefern. Sie können zusätzlich ergänzt werden durch Daten von Gesundheits-Apps , Fitness-Trackern sowie anderen tragbaren Geräten, die zum Beispiel die Herzfrequenz, Schlaf- und Wachphasen, die Körpertemperatur oder den Kalorienverbrauch messen. Diese sogenannten Real World Data (RWD) eröffnen auch der Medizin wertvolle Erkenntnisse und können die Datenlagen klinischer Studien hervorragend ergänzen.

96 % der medizinischen Daten stammen aus dem medizinischen Alltag, nur
4 % aller Krebspatienten werden im Rahmen klinischer Studien behandelt.

Bislang werden Real World Data nicht in vollem Umfang genutzt. Sie bergen aber großes Potenzial: Anders als klinische Studien bilden sie keinen Ausschnitt im Therapieverlauf unter künstlichen Bedingungen ab, sondern die Anwendung einer Therapie im echten Leben. Sie geben also umfassenden Aufschluss über den Gesundheitszustand eines Patienten und darüber, ob und wie ein Medikament langfristig wirkt. Real World Data ergänzen somit die Ergebnisse aus medizinischen Studien. Kombiniert bieten sie eine umfangreiche Basis, eine für die persönlichen Umstände geeignete und wirksame Therapie finden zu können.

Individualisierte Therapie auf Basis von Patientendaten


Vielleicht fragst Du Dich, wie diese zusätzlichen Erkenntnisse Deine Behandlung verbessern können. Ganz einfach: Wenn die Vision Wirklichkeit wird, könnte sich Dich Arzt, bevor er Dir eine Therapie verordnet, Unterstützung in der Datenbank holen. Darüber erfährt alles über Deine Diagnose, eventuelle Vor- und Begleiterkrankungen, auch Komorbiditäten genannt. Darüber hinaus kann er über die Datenbank zahlreiche andere Patientenakten mit ähnlicher Krankengeschichte prüfen lassen – anonymisiert, versteht sich. Voraussetzung ist die Einführung der elektronischen Patientenakte.

So erhält Dein Arzt einen Überblick darüber, welche Erfahrungen andere Patienten mit den zur Verfügung stehenden Therapien gemacht haben. Das liefert ihm eine sehr gute Entscheidungsgrundlage bei der Therapieauswahl, liefert Hinweise auf mögliche Risiken und erhöht die Chance, dass die Therapie schnell und effektiv anschlägt. Sollten sich Komplikationen ergeben, erhält er so Anregungen Deinen Therapieverlauf engmaschig zu kontrollieren und gegebenenfalls die Therapie anzupassen. Durch eine solche Datenbank lässt sich außerdem vermeiden, Untersuchungen doppelt durchzuführen und auch selten auftretende Nebenwirkungen können schneller erkannt werden.
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Real World Data in Vorsorge und Krebstherapie


Real World Data können auch in der Krebsvorsorge wertvolle Impulse geben. Durch die Auswertung einer Vielzahl von Patientendaten können Ärzte erkennen, ob Vorsorgeuntersuchungen wie etwa die Darmkrebsfrüherkennung tatsächlich einen Mehrwert schaffen oder nicht. Je nach Erkenntnislage können sinnvolle Maßnahmen verstärkt eingesetzt und ineffektive abgeschafft werden. Beim Beispiel Darmkrebs steht fest, dass 20 Prozent weniger Menschen nach Einführung der Darmspiegelung an der Krankheit sterben.
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Auch in der Krebstherapie können Real World Data zum Wohl der Patienten beitragen. Zum Beispiel lassen sich damit die Erfahrungen mit der neuen Präzisionsmedizin , die genetische Veränderungen, Biomarker genannt,, in Registern bündeln. So entsteht ein repräsentatives Bild, das auch der Forschung wertvolle Anknüpfungspunkte bietet – beispielsweise: Wie gut kann die Präzisionsmedizin eingesetzt werden? Liefert sie nachhaltige Therapieerfolge? Welche Unterschiede gibt es bei der Testung auf genetische Veränderungen?

Beispiel eines solchen Registers ist das CRISP („Clinical Research platform Into molecular testing, treatment and outcome of (non-)Small cell lung carcinoma Patients“). Es gibt Aufschluss darüber, dass bei Lungenkrebspatienten nur unzureichend Tests auf relevante Biomarker durchgeführt werden. Das führt zu der Annahme, dass etwa die Hälfte der Patienten nicht optimal behandelt wird.

Du siehst, es gibt erste Anwendungen von Real World Data in der Medizin. Sie können dazu beitragen, dass Du und Deine Angehörigen die bestmögliche Therapie erhalten. Manche Krankheiten lassen sich sogar im Vorfeld verhindern, wenn genügend Informationen zu den Risikogruppen und Diagnosemöglichkeiten vorliegen. Um das volle Potenzial dieser Daten auszuschöpfen, sind Wissenschaftler gefragt, neue Einsatzmöglichkeiten zu schaffen. Denn eines steht fest: Der „gläserne Patient“ birgt nicht nur Gefahren. Anonymisiert und mit entsprechender Datensicherheit bieten Real World Data große Chancen für die Krebsforschung und personalisierte Medizin.

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