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Aktiv gegen die tumorbedingte Fatigue

Viele Krebspatienten kommen im Laufe ihrer Erkrankung an einen Punkt, an dem sie emotional und körperlich so erschöpft sind, dass sie den Alltag kaum mehr bewältigen können. Doch es gibt Möglichkeiten, mit dieser als „tumorbedingte Fatigue“ bezeichneten Erschöpfung zurechtzukommen

Das Wort Fatigue stammt aus dem Französischen und bedeutet Müdigkeit. Mit normaler Müdigkeit hat die Fatigue, die in Zusammenhang mit einer Krebserkrankung auftritt, aber wenig zu tun. Diese Art der Erschöpfung steht nicht im Zusammenhang mit einer vorherigen körperlichen oder geistigen Anstrengung und bessert sich meist auch nicht wesentlich durch Ruhepausen. Fatigue kann in allen Phasen einer Krebserkrankung auftreten und auch noch längere Zeit nach dem Abschluss einer Krebsbehandlung bestehen bleiben.  

Tumorbedingte Fatigue: Leere Akkus

Eine Fatigue fühlt sich etwa so an, als wären die inneren Akkus ständig leer. Verminderte Konzentrations- und Merkfähigkeit sowie eine langsamere allgemeine Denkfähigkeit sind die Auswirkungen. Die Einschränkungen durch eine tumorbedingte Fatigue empfinden viele Betroffene belastender als auftretende Schmerzen oder nächtliche Unruhe.  Antriebslosigkeit und Erschöpfung werden zu einem langfristigen Problem, unabhängig von der Krebsart.

Die Symptome sind dabei ähnliche wie bei einer Depression: Patienten sind wenig belastbar, fühlen sich antriebslos und haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Fatigue erschwert die Bewältigung des Alltags und mindert die Lebensqualität drastisch.

Reaktion des Körpers

Manchmal wird intensiv an einer Erkrankung oder einem Symptom geforscht und trotzdem gibt es nach Jahren immer noch keine befriedigende Antwort. Leider trifft das auch auf die tumorbedingte Fatigue zu. Es gibt viele Theorien dazu, wie sie entsteht, aber noch ist nicht geklärt, ob Langzeitfolgen der Erkrankung, der Therapie oder der Krankheitsverarbeitung die Fatigue auslösen. Es ist wahrscheinlich, dass die psychische Belastung durch die Krebserkrankung die Fatigue auslöst oder zu ihrer Entstehung beitragen kann.3

Experten sprechen von einem multifaktoriellen Geschehen: Das Alter der Patienten, medizinische, emotionale und biologische Faktoren spielen eine Rolle bei der Entstehung der Fatigue, ebenso wie das eigene Verhalten. Aktuell wird insbesondere an der „Inflammations-Hypothese“ oder „Zytokin-Hypothese“ für die Entstehung der tumorbedingten Fatigue intensiv geforscht. Inflammation bedeutet Entzündung. Zytokine sind Eiweiße, die als Botenstoffe unter anderem die Signalübertragung zwischen Zellen steuern.

Die Hypothese, dass entzündungsfördernde Zytokine an der Entstehung der Fatigue beteiligt sein könnten, wurde interessant, weil man bei Patienten sowohl vor, während als auch nach einer Krebstherapie einen Zusammenhang mit verstärkt auftretenden Entzündungsprozessen festgestellt hat.

Entzündungsfördernde Zytokine senden offensichtlich Signale ans Gehirn, die zu Fatigue und anderen Veränderungen im Verhalten führen können. Dies wurde nicht nur bei der tumorbedingten Fatigue, sondern auch bei anderen Erkrankungen beobachtet, die mit Fatigue einhergehen. Auch eine (therapiebedingte) Anämie (Blutarmut) kann häufig ein Auslöser der Fatigue sein.

Einfach nur müde oder völlig erschöpft?

Fatigue hat nichts mit „normaler“ Müdigkeit zu tun. Eine tumorbedingte Fatigue kann zu erheblichen Leistungseinbußen bis hin zur Berufsunfähigkeit, starken finanziellen Einbußen und sozialem Rückzug führen.

Wer Anzeichen von Fatigue bei sich beobachtet, muss sich nicht einfach mit der abnehmenden Leistungsfähigkeit abfinden. Gefühle von Hilflosigkeit oder depressive Stimmungen können zwar zu einer passiven Haltung führen, aber es ist möglich, der anhaltenden Erschöpfung etwas entgegenzusetzen.

Es sollte also selbstverständlich sein, alle Patienten darauf hinzuweisen, dass es Fatigue gibt und was man dagegen tun kann. Ebenso sollten Angehörige und Freunde informiert sein, denn die Einschränkungen betreffen häufig auch das Umfeld der Patienten.

Eine Frau beim Psychoonkologen
Psychoonkologen können klären, ob eine tumorbedingte Fatigue vorliegt
© PeopleImages / iStock

Wie erkenne ich eine tumorbedingte Fatigue?

Noch immer werden Beschwerden und Anzeichen der tumorbedingten Fatigue kaum systematisch bei Krebspatienten erfragt. Inzwischen gibt es aber in einigen Bundesländern spezielle Tumor-Fatigue-Sprechstunden, die durch onkologisch erfahrene Ärzte und Psychoonkologen geleitet werden. Bis es solche Angebote bundesweit gibt, solltest du bei deinem Behandlungsteam offen ansprechen, wenn du Anzeichen einer Fatigue bei dir bemerkst.

Grundlage ist deine Selbsteinschätzung, denn richtig messen lässt sich eine Fatigue nicht. Dennoch gibt es Symptome, die zur Feststellung herangezogen werden können. Amerikanische Experten, die sich in der „Fatigue League“ engagieren, haben 11 Kriterien zusammengestellt. Wenn mindestens 6 davon auf dich zutreffen, empfiehlt es sich, mit deinem Arzt darüber zu sprechen.

Anzeichen für tumorbedingte Fatigue

  • Energielos und/oder gesteigertes Ruhebedürfnis.
  • Allgemeine Schwäche oder Gliederschwere.
  • Du leidest unter Konzentrationsstörungen.
  • Kein Interesse, deinen normalen Aktivitäten nachzugehen.
  • Schlaflosigkeit oder übermäßiges Schlafbedürfnis.
  • Schlafen ist wenig erholsam.
  • Du hast das Gefühl, dich zu jeder Aktivität zwingen zu müssen.
  • Du reagierst emotional auf die empfundene Erschöpfung, bist niedergeschlagen, frustriert oder reizbar.
  • Du hast Schwierigkeiten, den Alltag zu bewältigen.
  • Das Kurzzeitgedächtnis lässt nach.
  • Du fühlst dich nach körperlicher Anstrengung mehrere Stunden lang unwohl.

Ein geschulter Onkologe oder Psychoonkologe kann feststellen, ob es sich um eine Fatigue oder eine Depression handelt oder ob sich beides überschneidet. Es wichtig festzustellen, ob die Fatigue tumorbedingt ist, um sie angemessen behandeln zu können.

Bei Fragen zu Fatigue hilft die Deutsche Fatigue Gesellschaft e.V. (DFaG) weiter: www.deutsche-fatigue-gesellschaft.de. Dort kannst du eine Adressliste von Experten für Fatigue erhalten.

Die Stiftung Deutsche Krebshilfe hat zusammen mit der DFaG eine Broschüre erstellt, in der du weitere hilfreiche Tipps und Adressen findest. Diese Broschüre kannst du direkt über die Deutsche Krebshilfe e.V. beziehen: https://www.krebshilfe.de/infomaterial/Blaue_Ratgeber/Fatigue-Chronische-Muedigkeit-bei-Krebs_BlaueRatgeber_DeutscheKrebshilfe.pdf.

Mit Bewegung gegen Fatigue

Es gibt mehrere Möglichkeiten, die Fatigue in Schach zu halten oder zumindest einzudämmen. Zum einem gibt es unterstützende Psychotherapie während und nach der akuten Therapiephase. Auch eine Selbsthilfegruppe kann hilfreich sein. Es stehen zudem verschiedene Medikamente zur Verfügung, die je nach Ursache der Fatigue eingesetzt werden können, beispielsweise bei einer (durch Chemotherapie bedingten) Anämie. Jenseits dieser Therapiemaßnahmen hast du es auch selbst in der Hand, etwas gegen die Fatigue zu unternehmen.

Älterer Mann macht Liegestütze auf einer Trainingsmatte im Wohnzimmer
Körperliches Training ist entscheidend, um Fatigue in den Griff zu bekommen
© Alina Hvostikova / stocksy

„Sport ist so wichtig wie ein Krebsmedikament“ lautete bereits 2009 eine Schlagzeile im Deutschen Ärzteblatt. Bewegung dient nicht nur der Vorbeugung, sondern unterstützt nachweislich auch bei der Behandlung von Krebs. Körperliches Training ist einer der wichtigsten Ansätze, um Fatigue in den Griff zu bekommen. Nach einer Auswertung mehrerer wissenschaftlicher Studien wirkt Bewegung zusammen mit psychologischer Unterstützung wesentlich besser gegen Fatigue als eine Behandlung mit Medikamenten. Gezielte Bewegung unter Anleitung kann dabei helfen, wieder aktiver am Leben teilzunehmen und die Lebensqualität deutlich zu verbessern.

Das belegen auch Studien zum Thema „Krafttraining bei Brustkrebspatientinnen“: Die Patientinnen, die Krafttraining durchführten, konnten nicht nur ihre Muskelkraft stärken, sondern litten deutlich weniger unter Fatigue und Schmerzen und empfanden eine höhere Lebensqualität. 

Aktiv sein trotz Fatigue

Wie soll das gehen, fragst du dich? Schritt für Schritt. Mit einem persönlichen Trainingsplan, allein oder in einer Gruppe. In Deutschland gibt es über 600 Krebsnachsorge-Sportgruppen. Häufig werden solche Gruppen von Sportvereinen oder Volkshochschulen angeboten.

Für viele Menschen bringt eine solche Gruppe einen Motivationsschub mit sich. Neben der Bewegung bietet sich dabei auch die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für 50 Sporteinheiten, wenn ein ärztliches Rezept vorliegt.

Ausdauertrainingsarten wie Schwimmen, Radfahren, Tanzen, Joggen, Nordic Walking oder Übungen mit einem Terraband – alle diese Bewegungsarten können gegen Fatigue helfen. Neben Kraft und Ausdauer ist aber auch Flexibilität und Beweglichkeit wichtig. Bei Fatigue sind Übungen für alle diese Bereiche sinnvoll. Besonders ganzheitlich und empfehlenswert wirken daher bestimmte Arten des Yoga. In einer Studie mit mehr als 400 Patienten verbesserten sich vor allem die Schlafqualität sowie Einschränkungen im Alltag deutlich.  

Bewegung mit Apps und Computer

Exergaming kann eine gute Alternative sein. Für diese Computer-Fitnessspiele, die zu körperlichen Bewegungen und Reaktionen auffordern, gibt es bereits wissenschaftliche Untersuchungen. Insbesondere die Beinmuskulatur konnte dadurch wieder gestärkt werden. Entsprechende Angebote gibt es längst auch online und als Apps.

Außerdem können Entspannungsübungen helfen, wieder zu einem inneren Gleichgewicht zu finden und den Alltag zu meistern. Auch eine Musiktherapie kann bei tumorbedingter Fatigue Erfolge bringen, gegen Ängste helfen und die Lebensqualität verbessern.

Weitere Tipps zu Bewegung gegen Krebs erhältst du bei der Krebshilfe sowie der Krebsgesellschaft.

Die eigene Stärke wiederentdecken

Selbstwirksamkeit bezeichnet die Überzeugung einer Person, schwierige Situationen, Aufgaben und Probleme aus eigener Kraft heraus bewältigen zu können. Die Selbstwirksamkeit hat einen bedeutsamen Einfluss auf die Lebensqualität von Patienten mit Krebs.

Ebenfalls wichtig ist die Resilienz eines Menschen. Für Resilienz gibt es verschiedene Definitionen. Unter anderem wird damit die psychische Widerstandskraft und die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen zu meistern, verstanden. Menschen, die zu Beginn einer Krebserkrankung über eine höhere Resilienz verfügen, sind während einer Therapie weniger von Fatigue betroffen.

Du kannst sowohl deine Selbstwirksamkeit als auch deine Resilienz mit einfachen Methoden stärken. Viele dieser Methoden sind identisch mit jenen, die auch zur Stärkung des Immunsystems empfohlen werden. Dazu gehören neben einer gesunden Lebensweise mit viel Bewegung, gesunder Ernährung und dem richtigen Maß zwischen An- und Entspannung auch die Pflege von sozialen Kontakten und vieles mehr.

Checkliste: Schritt für Schritt aktiv gegen Fatigue

  • Lass dir helfen, sei offen gegenüber deinem Arzt und deiner Familie
  • Richte deine Ziele an deiner aktuellen Situation aus.
  • Akzeptiere deine Grenzen.  
  • Plane Aktivitäten für die Tageszeit ein, in der du am meisten Energie hast.
  • Teile deine Kraftreserven ein.
  • Sorge für entspannten Schlaf, gesunde Ernährung und ausreichend Flüssigkeit.  
  • Sorge dafür, dass du jeden Tag etwas Schönes erlebst, z. B. ein gutes Gespräch führst.
  • Gehe möglichst täglich raus in die Natur und genieße die frische Luft.
  • Wenn möglich, vermeide nicht jede Anstrengung, sondern fange mit kleinen Schritten an und sorge stetig für ausreichend Bewegung.

Quellen

¹ Deutsche Fatigue Gesellschaft e.V. (DFaG), Köln. 18 Fragen zu tumorbedingter Fatigue. Online unter: https://deutsche-fatigue-gesellschaft.de/fatigue/was-ist-fatigue/ (Zugriff: 03.11.2020).

² Deutsche Fatigue Gesellschaft e.V. (DFaG), Köln. Fitness trotz Fatigue. Bewegung und Sport bei tumorbedingtem Müdigkeitssyndrom. atp verlag GmbH, Köln, 2. Auflage 2019. ISBN 978-3-943064-16-2. Online unter: https://www.atp-verlag.de/wp-content/uploads/2018/11/fatique_broschuerencover-1.jpg (Zugriff: 03.11.2020).

³ Stiftung Deutsche Krebshilfe, Bonn. Bewegung gegen Krebs. Informationen für Patienten. Online unter: https://www.krebshilfe.de/informieren/ueber-krebs/ihr-krebsrisiko-senken/bewegung-und-krebs/bewegung-gegen-krebs/bewegung-und-sport-bei-krebs/ (Zugriff: 03.11.2020).

⁴ https://www.krebshilfe.de/infomaterial/Blaue_Ratgeber/Fatigue-Chronische-Muedigkeit-bei-Krebs_BlaueRatgeber_DeutscheKrebshilfe.pdf

⁵ Institut für Tumor-Fatigue-Forschung, Dr. Irene Fischer: Fatigue-Sprechstunde: Wichtige Informationen. Online unter: https://fatigue-forschung.de/fatigue-sprechstunde/ https://fatigue-forschung.de/fatigue-sprechstunde/ (zuletzt abgerufen am 18.1.2021)

⁶ Die Rolle von bewegungstherapeutischen Therapiekonzepten. Stefanie Siebert und Freerk Baumann – Uniklinik Köln – Centrum für integrierte Onkologie (CIO), Köln, Deutschland

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