Watch and Wait: Aktives Warten und Beobachten beim Lymphom
Watch and Wait bedeutet übersetzt so viel wie „Beobachten und Abwarten“. Schlägt das Ärzteteam den Lymphom-Patientinnen und -Patienten diese Therapiestrategie vor, fragen sich diese oftmals: „Abwarten? Sollte ich das bei Krebs wirklich tun?“ Wann kann diese Strategie sinnvoll sein und für wen kommt sie infrage?
Das Wichtigste auf einen Blick
Nach der Diagnose einer Lymphom-Erkrankung ist es nicht immer nötig, zeitnah eine Therapie zu beginnen. Verursacht die Erkrankung keine Symptome und schreitet nur langsam fort, kann „Watch and Wait“ (Beobachten und Abwarten) eine Option sein – ohne die Prognose zu verschlechtern.
Was bedeutet „Watch and Wait” bei Krebs?
Lymphom-Erkrankungen können sehr unterschiedlich sein. Dementsprechend verschieden sind auch die infrage kommenden Behandlungsmöglichkeiten – abhängig von Art, Verlauf und Stadium der Krebserkrankung. Eine davon ist das sogenannte „Watch and Wait“ – das aktive Warten und Beobachten. Bei dieser Therapieoption führt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt regelmäßige Kontrollen durch, ohne dass eine aktive Behandlung begonnen wird.1
Was passiert bei den Kontrolluntersuchungen?
Die Kontrollen finden in der Regel im ersten Jahr nach der Diagnose alle 3 bis 6 Monate statt, in den folgenden Jahren alle 3 bis 12 Monate oder wenn Beschwerden auftreten.1 Wie häufig du zu diesen Kotrollterminen musst, hängt auch ein wenig vom genetischen Risikoprofil deiner Erkrankung ab – also z. B. ob bestimmte Risikofaktoren wie genetische Veränderungen (Mutationen) vorliegen. Deine Ärztin oder dein Arzt wird mit dir besprechen, wie oft du dich untersuchen lassen solltest, um dennoch sicher kontrolliert werden zu können.2
Zu diesen Untersuchungen gehören das Abtasten der Lymphknoten und des Bauchraums sowie eine Blutabnahme. Das Blut wird dann im Labor untersucht. Im Blut kann nicht nur die Anzahl der verschiedenen Blutzellen (rote und weiße Blutkörperchen sowie Blutplättchen)3 festgestellt werden, sondern dank moderner diagnostischer Verfahren können auch kleinste Mengen im Blut vorhandener Tumor-DNA nachgewiesen werden. Früher musste dafür eine Gewebeprobe (Biopsie) genommen werden. Heutzutage reicht oft ein bisschen Blut (Liquid Biopsy bzw. Flüssigbiopsie), um eine aktive Krebserkrankung nachzuweisen.4,5
Wann wird „Watch and Wait” angewendet?
Bei welchen Lymphom-Arten ist diese besondere Strategie sinnvoll? Die Behandlung eines Lymphoms ist immer davon abhängig, wie schnell es fortschreitet. Selbstverständlich empfiehlt das Ärzteteam die „Watch and Wait“-Strategie nur bei Lymphom-Erkrankungen, bei denen es medizinisch sinnvoll ist. Dazu gehören die langsam fortschreitenden (indolenten) Formen wie die chronisch lymphatische Leukämie (CLL)6 und das follikuläre Lymphom (FL).7 Bei diesen langsam fortschreitenden Lymphomen gibt es keine Vorteile für Betroffene, wenn sie früher behandelt werden.8
Bei schnell fortschreitenden, aggressiven Formen, wie dem diffus großzelligen B-Zell-Lymphom (DLBCL), ist jedoch ein schneller Therapiebeginn nötig. Für diese Art der Lymphome ist die „Watch and Wait“-Strategie deshalb ungeeignet.
Die Entscheidung kann auch auf die Strategie „Watch and Wait“ fallen, wenn die Risiken durch mögliche Nebenwirkungen im individuellen Fall den zu erwartenden Nutzen der Therapie für die Betroffenen überwiegen.
Was passiert, wenn die Erkrankung fortschreitet?
Stellt dein Behandlungsteam bei einem dieser Kontrolltermine fest, dass die Erkrankung weiter fortschreitet, wird es dir eine entsprechende Therapie verordnen, um den Krebs zu behandeln.
Mittlerweile gibt es eine größere Auswahl an Therapien für ein FL und eine CLL. Einige greifen gezielter die Krebszellen an und sind somit schonender und haben andere Nebenwirkungen als beispielsweise eine Chemotherapie oder eine Strahlentherapie. So gibt es heutzutage Antikörpertherapien oder Immunmodulatoren, die das Immunsystem aktivieren und im Kampf gegen den Krebs unterstützen sowie verschiedene zielgerichtete Therapien (Kinase-Inhibitoren oder BCL2-Inhibitoren).6,7
Was sind die Vor- und Nachteile von „Watch and Wait”?
Wenn Patientinnen oder Patienten also an einer CLL oder an einem FL erkrankt sind, ist Beobachten und Abwarten eine Therapieoption. Doch welche Möglichkeiten und Risiken sind mit dieser Strategie verbunden?
Ein großer Vorteil sind die ausbleibenden Nebenwirkungen, die Krebstherapien mit sich bringen.
Mit „Watch and Wait“ verzichtet das Ärzteteam bewusst auf den Einsatz einer Therapie, um der Patientin oder dem Patienten mögliche Nebenwirkungen zu ersparen.
Ein Nachteil ist jedoch eine mögliche psychische Belastung und somit eine Einschränkung der Lebensqualität. Denn für viele Betroffene ist das scheinbare Nichtstun eine große psychische Herausforderung. Wobei diese Wahrnehmung nicht der Wirklichkeit entspricht, da das Ärzteteam das Lymphom genauestens im Auge behält und deshalb sofort einschreiten und mit einer Therapie beginnen kann, sollte die Erkrankung fortschreiten und sich der Zustand der Patientin oder des Patienten verschlechtern.
Um dieses Risiko zu umgehen, ist es wichtig, dass Patientinnen und Patienten ihre Sorgen und Ängste von Beginn an offen schildern. Nur so kann das Behandlungsteam darauf eingehen und den Betroffenen die Befürchtungen nehmen. Am besten besprichst du gemeinsam mit deinem Ärzteteam, welche Therapieoptionen es gibt und welche Vorteile und Risiken sie beinhalten. Dann könnt ihr gemeinsam eine Entscheidung zur Behandlungsstrategie treffen.
Wann wird „Watch and Wait“ bei Chronisch lymphatischer Leukämie (CLL) angewendet?
Lautet die Diagnose CLL, empfehlen Ärztinnen und Ärzte fast immer zuerst die „Watch and Wait“-Strategie – vorausgesetzt, die Patientinnen und Patienten zeigen keine Symptome. Das kommt häufig vor, da die CLL in der Regel nur langsam fortschreitet und es deshalb meist auch über längere Zeit nicht zu Symptomen kommt.
Erst wenn Symptome auftreten oder die CLL fortschreitet, greifen Ärztinnen und Ärzte auf Behandlungsmöglichkeiten wie Antikörper- und Chemotherapie zurück, um die Erkrankung aktiv zu bekämpfen.
Wann kommt „Watch and Wait” beim Follikulären Lymphom (FL) zum Einsatz?
Auch das FL ist ein langsam fortschreitendes Lymphom. Hierbei hängt die Therapiestrategie vom Stadium und möglichen Symptomen der Erkrankung ab. In den frühen Stadien (I und II) machen sich meist keine Symptome bemerkbar, dann kann eine Watch and Wait-Strategie empfohlen werden. Kommt eine Strahlen- oder Chemotherapie vielleicht aufgrund von Vorerkrankungen nicht infrage, kann ebenfalls die „Watch and Wait“-Strategie zur Anwendung kommen. In den höheren Stadien III und IV ist „Watch and Wait“ empfohlen, wenn die Patientin oder der Patient keine Symptome hat und die Tumorlast niedrig ist.7
Die Tumorlast ist ein Maß für die Anzahl an Krebszellen im Körper.
Eine Therapie wird erst dann eingeleitet, wenn Patientinnen oder Patienten Symptome entwickeln und das FL weiter fortschreitet. Dann greifen Ärztinnen und Ärzte – abhängig vom Allgemeinzustand der betroffenen Person – in der Regel auf eine Kombination aus Antikörper- und Chemotherapie zurück. Manchmal wird auch eine Antikörpertherapie allein gegeben.7
Regelmäßige Kontrollen sorgen für Sicherheit
Die Entscheidung kann auf die Strategie „Watch and Wait“ fallen, wenn die Risiken durch mögliche Nebenwirkungen im individuellen Fall den zu erwartenden Nutzen der Therapie für die Betroffenen überwiegen.
Nach der Diagnose einer Lymphom-Erkrankung ist es nicht immer nötig, zeitnah eine Krebsbehandlung zu beginnen. Verursacht die Erkrankung keine Symptome und schreitet sie langsam fort, kann Beobachten und Abwarten die Option der Wahl sein. In diesen Fällen hat in Studien eine frühe Behandlung keine Verbesserung des Krankheitsverlaufs gezeigt. Die Prognose verschlechtert sich also nicht, wenn sich das Ärzteteam und Patientinnen oder Patienten für „Watch and Wait“ entscheiden.
Inhaltlich geprüft:M-DE-00030917
Quellen
¹ https://www.krebsinformationsdienst.de/chronische-lymphatische-leukaemie/behandlung#c3173, zuletzt abgerufen am 02.04.2026
² Brieghel C et al. It is feasible and safe to stop specialized follow-up of asymptomatic lower-risk chronic lymphocytic leukemia. Blood Adv. 2024;8(16):4449–4456. https://ashpublications.org/bloodadvances/article/8/16/4449/515174, zuletzt abgerufen am 02.04.2026
³ https://www.krebsinformationsdienst.de/chronische-lymphatische-leukaemie/diagnostik, zuletzt abgerufen am 02.04.2026
⁴ https://www.onko-portal.de/basis-informationen-krebs/diagnosemethoden/liquid-biopsy/articles/onko-internetportal-basis-informationen-krebs-diagnosemethoden-liquid-biopsy.html, zuletzt abgerufen am 02.04.2026
⁵ S3-Leitlinie | Diagnostik, Therapie und Nachsorge für Patienten mit einem follikulären Lymphom. Version 1.0, Juni 2020;27. https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Leitlinien/Follikulaeres_Lymphom/LL_Foll_Lymphom_Kurzversion_1.0.pdf, zuletzt abgerufen am 02.04.2026
⁶ Onkopedia-Leitlinie | Chronische Lymphatische Leukämie (CLL), Stand September 2025;9. https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/chronische-lymphatische-leukaemie-cll/@@pdf-latest?filename=chronische-lymphatische-leukaemie-cll.pdf, zuletzt abgerufen am 02.04.2026
⁷ Onkopedia-Leitlinie | Follikuläres Lymphom, Stand Juli 2025;8. https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/follikulaeres-lymphom/@@pdf-latest?filename=follikulaeres-lymphom.pdf, zuletzt abgerufen am 02.04.2026
⁸ Moia R et al. Prognostication in chronic lymphocytic leukemia. Semin Hematol. 2024;61(2):83–90. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0037196324000386, zuletzt abgerufen am 02.04.2026



