Lieber Andy Engel, Tätowierungen erfreuen sich großer Beliebtheit und sind mittlerweile voll gesellschaftsfähig. Auch in der Medizin gewinnt die Tätowierung immer mehr an Bedeutung, z. B. in den Bereichen der Brustchirurgie und der Verbrennungsmedizin. Du bietest auch Tattoos zur Narbenkorrektur und Rekonstruktion der Brustwarzen an. Welche Tätowierungen lassen Betroffene bei Dir durchführen und warum?
Es kommen Frauen zu uns, denen nach einer Brust-OP eine oder beide Brustwarzen fehlen. Wir tätowieren ihnen Brustwarzen, bei denen Du nachher keinen Unterschied mehr zu einer echten Brustwarze siehst. Es kommen aber auch Männer zu uns, die Brustkrebs hatten und denen eine oder beide Brustwarzen entfernt wurden.

Ist eine solche Tätowierung von vernarbten oder operierten Körperteilen immer möglich? Oder gibt es auch Narben, die nicht tätowierbar sind?
Nach einer Brustkrebs-OP hat man meist nur einen kleinen senkrechten oder waagerechten Schnitt, der nicht weiter stört bzw. von uns gut in das Tattoo integriert werden kann. Eine Brustwarze hat immer Fältchen und Wärzchen. Diese Struktur stellen wir in 3D nach und arbeiten die Narbe mit ein. Schwieriger ist es, wenn der Brustwarzenhof plastisch rekonstruiert wurde, weil wir dann eine kreisrunde Narbe vorfinden, deren Gewebe die Tattoofarben nicht so gut annimmt.

Eine Brustwarze hat immer Fältchen und Wärzchen. Diese Struktur stellen wir in 3D nach und arbeiten die Narbe mit ein.

Am allerschwierigsten ist es, wenn der Brustwarzenhof aus Gewebe des Augenlids oder des Schambereichs der Patientin erstellt wurde. Das Gewebe kommt zwar der Brustwarzenhaut am nächsten, ist aber sehr schwer zu tätowieren, weil die Haut sehr dünn ist und schnell anschwillt. Bei OP- oder Unfallnarben gibt es aber auch solche, die nicht tätowierbar sind oder zumindest nicht der Hautfarbe angeglichen werden können. Das muss man Kunden klar erklären. Retuschieren durch ein Tattoo-Bild ist aber natürlich immer möglich. Vorausgesetzt, der Kunde möchte generell ein Tattoo haben!

 

Gibt es Dinge, die Du bei der Rekonstruktion der Brustwarzen anders machst oder anders machen musst als bei normalen Tätowierungen?
Speziell für die Brustwarzenrekonstruktion haben wir gemeinsam mit Ärzten, kooperierenden Kliniken und Geschäftspartnern die eigenständige Andy Engel BWK GmbH & Co KG gegründet. Hier haben wir mittlerweile auch die ersten zehn Tätowierer für Deutschland, Österreich und die Schweiz ausbilden können. Sie erlernen meine Techniken und arbeiten mit unseren speziellen Produkten und Farben. Über die letzten zehn Jahre habe ich in einem aufwendigen Verfahren 24 Farben entwickelt, die dem Farbspektrum der Brustwarze entsprechen.

Darüber hinaus haben wir ein Behandlungspaket entwickelt, das alles, was für die Tätowierung nötig ist, enthält. Das erhalten die Tätowierer für jede Kundin neu. Wir sind gerade dabei, die Inhalte ISO-zertifizieren zu lassen, weil wir großen Wert darauf legen, im Vergleich zur normalen Tätowierung noch einen Schritt weiterzugehen, was Hygiene, Materialreinheit und Qualitätssicherung angeht. Schließlich haben viele der Frauen, die zu uns kommen, mit Tattoo-Studios bis dahin meist nichts zu tun gehabt. Sie sollen sich sicher und gut aufgehoben fühlen.

Einige Patientinnen haben mir erzählt, sie hätten sich nicht mehr attraktiv gefühlt – nach der Tätowierung aber wieder wie eine Frau.

© Andy Engel

Was ist ansonsten Teil der Ausbildung, damit diese positive und professionelle Atmosphäre gewährleistet ist?
Es geht in der Ausbildung auch um das Verständnis für die Patienten und ihre Situation. Schließlich hat man es hier mit etwas ganz anderem zu tun als bei einer normalen Tätowierung. Wir haben Narbengewebe, bestrahlte Haut oder Personen mit Medikation vor uns. Ich habe selber einige Jahre gebraucht, bis ich begriffen habe, dass das etwas völlig anderes ist. Die Tätowierer lernen zudem Themen wie Datenschutz und die Dokumentation ihrer Arbeit durch Fotos und in schriftlicher Form, um alle Vorgänge nachvollziehen zu können.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Du Dich auf die Rekonstruktion von Brustwarzen spezialisiert hast?
2008 erkrankte eine Stammkundin an Brustkrebs, und sie kam nach den Operationen und ihrer Genesung zu mir und sagte: Mir fehlt eine Brustwarze. Ich möchte, dass Du mir sie tätowierst. Ich habe zunächst abgelehnt, weil mir die Verantwortung zu groß war. Die Kundin, eine ältere Dame um die 60, ließ aber nicht locker. Sie kam immer wieder – und dann habe ich es irgendwann doch gemacht. Die Frau war so begeistert, dass sie ohne mein Wissen ein Radiointerview gegeben hat.

© Andrej Lišakov / Unsplash
Im Gegensatz zu Pigmentiergeräten kommen Tattoomaschinen tief in die Haut, sodass das Tattoo von langer Dauer ist. Man muss auch keine Angst vor dem stechen haben, es wird sich viel Zeit genommen.

Danach ist die Missionsärztliche Klinik in Würzburg auf zu uns zugekommen. Mit ihr arbeiten wir seitdem zudem. Ohne diese erste Kooperation wären wir sicher nicht so weit gegangen, wie wir jetzt sind. Mittlerweile arbeite ich auch in Kliniken vor Ort, derzeit in Hamburg und in München, bilde Klinik-Personal in unserer Technik aus und halte Vorträge auf medizinischen Kongressen – denn hier ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig. Das war so nicht geplant, und eigentlich bin ich mit meinen normalen Tätowierungen ausgebucht, aber mit jeder Patientin, die zu mir kommt, die mit Tränen in den Augen vor mir steht, sich freut, uns Dankesmails schreibt, wie glücklich sie ist und wie gerne sie sich wieder im Spiegel beschaut, weiß ich, dass ich das Richtige tue.

Man kann Brustwarze und Warzenhof plastisch rekonstruieren lassen oder auch nicht. Ist eine Mischung aus plastischer OP und Tätowierung möglich? Was sind die Vor- und Nachteile? Was rätst Du Betroffenen?
Es gibt zwei gute Möglichkeiten: Entweder die Patientin lässt sich von uns den Brustwarzenhof und den Nippel tätowieren, den wir mit Hilfe von Schatten-Licht-Techniken in 3D herstellen. Oder sie lässt den Nippel plastisch rekonstruieren, und wir tätowieren nur den Brustwarzenhof und färben, wenn nötig, den Nippel noch mit ein. Die plastische Nippel-Rekonstruktion ist jedoch nur etwas für Frauen, die kein Problem damit haben, dass die Brustwarzen dann die ganze Zeit unter BH oder dem Bikini zu sehen ist.

Inwiefern sind die behandelnden Ärzte der Betroffenen in ein solches Vorhaben eingebunden? Muss das Ergebnis ärztlich untersucht werden?
Das Vorhaben kann natürlich gerne mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Die Tätowierung an sich ist nur ein kleiner Eingriff. Vor allem bei der Brustwarzenrekonstruktion handelt es sich um ein ganz vorsichtiges, zaghaftes Tätowieren, das mit der normalen Tätowierung nicht vergleichbar ist. Meist tätowieren wir eine halbe bis eine Stunde, die sehr entspannt abläuft und in der nichts Dramatisches passiert. Da kann man den Patienten wirklich jegliche Angst nehmen.

© Nathan Dumlao / Unsplash
Gerade die Brustwarzenrekonstruktion kann man mit der normalen Tätowierung nicht vergleichen.

Ist das Tattoo fertig, wenn es gestochen ist, oder muss nachbehandelt werden?
Wir gehen so oft wie nötig an das Tattoo ran. Nach einmal Tätowieren ist das Ergebnis jedoch bereits sehr gut. Dennoch vereinbaren wir einen Kontrolltermin im Abstand von 12 Wochen, damit wir sicherstellen können, dass die Kundin vollends zufrieden ist. Außerdem gebe ich eine lebenslange Garantie auf die Brustwarzenrekonstruktion, ohne Zusatzkosten für Frauen.

Die Narbenkorrektur oder Brustwarzenrekonstruktion verhilft den Patienten wieder zu mehr Lebensqualität und zu einem besseren Selbstwertgefühl. Übernehmen die Krankenkassen die Kosten?
Etwa 70 Prozent der Frauen erhalten von ihrer Krankenkasse die volle Kostenübernahme. Die restlichen 30 Prozent bekommen teilweise Unterstützung, circa fünf Prozent erhalten gar keine Unterstützung.

Versuchst Du selbst, die Kassen für das Thema zu sensibilisieren?
Die Krankenkassen sind mit ein Grund, warum ich Vorträge halte und Aufklärungsarbeit leiste. Ich versuche zu erklären, wie der Preis zustande kommt, was für die Patientinnen medizinisch am Vorteilhaftesten ist und welchen psychologischen Stellenwert die Tätowierung hat. Ich will die Krankenkassen davon überzeugen, wie wichtig unsere Arbeit ist. Viele Frauen würde eine Zusage der Krankenkasse dabei unterstützen, bei uns anzurufen.

Wie finden interessierte Patienten einen geeigneten Tätowierer?
Auf unserer Internetseite können Interessierte sich erkundigen, wo der nächste Tätowierer zu finden ist. Diese Tätowierer wurden von uns ausgebildet und werden von unseren Kooperationspartnern unterstützt. Die Kundin kann selbst wählen, wem sie ihr Vertrauen schenkt.


 

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