Sylvie ist 59 Jahre alt, verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Die Französin lebt seit 1980 in Deutschland – hier hat sie ihren Mann kennengelernt. Nach der Elternzeit ist sie nicht wieder in ihren Beruf als Industriekauffrau zurückgekehrt, sondern hat viele Jahre als Französisch-Nachhilfelehrerin gearbeitet. Yoga und eine mediterrane Ernährung gehörten zu ihrem Alltag dazu – bis 2017 die Diagnose „fortgeschrittener Lungenkrebs“ kam. Genauer gesagt, hatte Sylvie einen ALK-positiven nicht-kleinzelligen Lungenkrebs im Stadium IIIB. Dass der Krebs entdeckt wurde, war ein Zufall: Der Arzt in ihrem Dorf hatte gewechselt und Sylvie hat einen Termin ausgemacht, hauptsächlich, um den neuen Arzt kennenzulernen. Acht Jahre lang war sie nicht mehr krank gewesen, doch der Arzt bemerkte auffällige Lungengeräusche und überwies sie zum Lungenfacharzt. Es folgte ein Monat mit Untersuchungen, bis im Oktober 2017 die genaue Diagnose feststand: Ein vier Zentimeter großer Tumor im rechten Lungenflügel. Es folgten Operationen, Chemotherapie und Bestrahlung. Neuen Mut und Antrieb schöpft sie aus lauter kleinen Zielen, die sie sich selbst setzt.
Was ging Dir in dem Moment durch den Kopf, als Dein Arzt Dir die Diagnose mitgeteilt hat?
Ich hatte keinerlei Symptome oder Schmerzen – aber einen Schatten in der Lunge. Ich wusste, das ist nicht gut. Als die Diagnose kam, war es katastrophal für mich. Ich habe mit vielem gerechnet, aber nicht mit Lungenkrebs – obwohl ich früher geraucht habe. 24 Jahre lang, etwa ein Päckchen pro Woche. Als ich 2005 Magenprobleme bekam, habe ich es von heute auf morgen aufgegeben. In meiner Familie gab es bisher keine Fälle von Lungenkrebs. Natürlich habe ich mich gefragt: „Woher kommt das? Wie groß ist der Beitrag des Rauchens?“ Ich würde gerne wissen, ob ich auch Lungenkrebs bekommen hätte, wenn ich nie geraucht hätte. Manchmal passiert es ja einfach.

Was hat Dir geholfen, mehr über Deine Lungenkrebserkrankung zu erfahren? Wo können sich andere Patienten informieren?
Ich wollte nicht im Internet suchen. Mein Mann und mein ältester Sohn haben viel gegoogelt. Ich habe mich stattdessen in unserem Dorf umgehört, mein Schwager hatte zum Beispiel auch Lungenkrebs. Sehr geholfen haben mir auch meine Ärzte. Sie waren realistisch und haben mir weder falsche Hoffnungen gemacht, noch Hoffnung genommen. Wichtig waren für mich auch die Broschüren von meinem Lungenarzt. In der Zeit im Krankenhaus habe ich häufig mit anderen Patienten gesprochen und nach ihrer Geschichte gefragt. Viele hatten die gleichen Probleme wie ich. Das war nicht immer rosig, manchen ging es sehr schlecht. Ich hatte viel Glück, da mein Tumor operiert werden konnte.
Der Austausch mit anderen hat mir viel gegeben. Ich würde auch anderen raten, offen zu sein und darüber zu sprechen. Ich habe mich nicht zurückgezogen aufgrund meiner Krankheit. Ich bin Realistin: Es ist eine schlimme Erkrankung, aber ich habe meinen Weg mit ihr gefunden.

Wie geht es Dir aktuell? Wie ist der Stand Deiner Behandlung?
Ich habe viel durchgemacht. Oktober 2018 traten Sprachfehler bei mir auf – Ursache war eine Metastase im Kopf. Ich wurde operiert und bestrahlt. 2019 wurden drei neue Metastasen im Kopf entdeckt. Zu dieser Zeit war ich nah dran aufzugeben. Meine Ärzte haben mir Mut gemacht und nach einer intensiven Bestrahlung habe ich eine neue Behandlung begonnen. Die Metastasen sind tatsächlich verschwunden. Ich nehme die Medikamente weiterhin und habe regelmäßige Kontrolluntersuchungen. Auch meine Lunge ist momentan stabil. Ich gehe auch zu einem Psychoonkologen, das hilft mir sehr. Gerade geht es mir also gut.

Covid-19 ist zurzeit ja in allen Lebensbereichen präsent. Hat sich die Pandemie auf Deine Behandlung oder Nachsorge ausgewirkt?
Ich hatte Angst, dass meine Behandlung für die Ärzte nicht mehr an erster Stelle steht. Etwa, dass meine Termine verschoben werden oder es einen Mangel an Medikamenten gibt. Und ich hatte Angst, dass ich nicht mehr ins Krankenhaus kann, aufgrund der Corona-Pandemie. Ich bin sehr vorsichtig, um eine Ansteckung zu vermeiden. Untersuchungsergebnisse haben wir am Telefon besprochen, ansonsten bin ich aber in die Klinik gefahren – natürlich mit Schutzmaßnahmen. Alle meine Untersuchungen konnten zum Glück wie geplant stattfinden.

Welche Spuren hat die Pandemie in Deinem Privat- und Gefühlsleben hinterlassen?
Ich würde gerne öfters weggehen, mal eine Pizza essen mit Freunden. Doch wegen der Corona-Pandemie sind meine Bekannten sehr vorsichtig und möchten nicht ausgehen. Das ist schwierig für mich. Ich möchte trotz allem Kontakt mit Menschen und etwas unternehmen. Auch meine Mutter, die in Frankreich lebt und fast 90 Jahre alt ist, kann ich nicht besuchen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich noch habe. Daher möchte ich jeden Tag genießen und habe das Gefühl, momentan etwas zu verpassen. Diese Pandemie hätte ich wirklich nicht gebraucht.

Wie schöpfst Du neue Energie?
Ich habe viele Bekannte. Meine engen Freunde stehen mir immer bei und erkundigen sich nach mir. Und meine Familie ist auch sehr wichtig für mich. Das Leben meiner Söhne und meines Enkels zu begleiten gibt mir Kraft. Ich will auf keinen Fall Mitleid, aber dabei sein und Anteilnahme hilft mir sehr. Der Krebs führt zu einer Art Distanz zwischen den Menschen. Das möchte ich vermeiden.

Welche Botschaft möchtest Du anderen Menschen mit Lungenkrebs mit auf den Weg geben?
Andere haben mir oft geraten, ich solle positiv denken. Davon allein wird man aber nicht gesund, glaube ich. Mein Antrieb ist es, die Welt realistisch zu sehen und Pläne zu machen – jedoch kurzfristige! So kann ich das erleben, was ich noch erleben möchte. Ich will vermeiden, dass es später heißt: „Sie hatte noch so viel vor. Es ist schade, dass sie das nicht mehr geschafft hat.“ Kurzfristige Ziele motivieren – ich habe immer kleine Ziele. Und dann schaue ich, was danach kommt.

Besonders wichtig ist es für mich, zu lernen mit dem Krebs zu leben. Ich lerne jeden Tag etwas dazu. Es gibt immer Überraschungen und dann gilt es, eine Alternative zu finden. Ich lebe mit dem Krebs – und lasse mir nicht das ganze Leben von ihm nehmen.

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